Nachruf Dieter Glawischnig (1938-2026)

642 417 International Society for Jazz Research

Foto: Institut 8 Jazz

Am 1. Oktober 2026 ist em.O.HProf. Dr. Dieter Glawischnig, Ehrenmitglied der Internationalen Gesellschaft für Jazzforschung, im Alter von 88 Jahren verstorben. Wir trauern um ein Gründungsmitglied, einen Herausgeber unserer Publikationen, ein Vorstandsmitglied, einen österreichischen Pionier, prägenden Musiker und Komponisten des Jazz, einen Mentor und Freund.

Dieter Glawischnig war bereits lange für den Jazz entflammt, als er 1969 bei der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Jazzforschung mit Friedrich Körner aktiv war und mit der Mitorganisation der 1. Jazzwissenschaftlichen Konferenz eine bis heute anhaltende Grazer Tradition der akademischen Beschäftigung mit Jazz in Praxis und Forschung begann. Zuvor hatte er ein Studium der Musikwissenschaft mit einer Dissertation über den Grazer Komponisten Anselm Hüttenbrenner beendet, was ihm die Basis für etwa seinen grundlegenden Aufsatz zur motivischen Improvisation im Jazz bot. Daneben aber hatte er Klavier, Trompete und Posaune studiert, spielte in diversen Ensembles (u.a. als Substitut in der Oper Graz und der ORF-Bigband) und war als Musikrat im Forum Stadtpark und als Obmann der Steirischen Jazzföderation ein Vorkämpfer für die Anliegen des Jazz, besonders desjenigen einer freieren Spielart, die ihn lebenslang begeisterte.

Mit der Gründung des Jazzinstituts 1965 an der heutigen Kunstuniversität Graz, das er einige Jahre leitete, wurde Dieter Glawischnig auch ein Lehrender des Jazz, eine Rolle, die ihm nach seinem Wechsel nach Hamburg als Leiter und Wegbereiter der internationalen Karriere der NDR-Bigband von 1980-2008 blieb: Dieter Glawischnig war mit Hermann Rauhe maßgeblich an der Gründung der Jazzabteilung an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater beteiligt, mit besonderem Schwerpunkt in Jazz und Klassikausbildung. Er war dort von 1982 bis 2003 Professor.

Nebenbei, was natürlich ein Euphemismus für seine stupende musikalische Aktivität ist, gründete er 1974 mit Ewald Oberleitner und John Preininger das Free Jazz-Trio Neighbours, das als österreichische Formation nicht nur in Europa, sondern auch in Nord- und Südamerika tourte. Sie nahmen herausragende – vor kurzem auf CD wieder aufgelegte – Alben mit von Dieter verehrten US-amerikanischen Vertretern eines freien Jazz auf, wie etwa Fred Anderson, Anthony Braxton – mit ihm z.B. tatsächlich das „Erzherzog-Johann-Lied“ – oder Bill Brimfield. In der Hamburger Zeit gründete er neben seiner Arbeit mit der NDR-Bigband zudem das Dieter Glawischnig Hamburg Ensemble oder Cercle, was ihn zu Zusammenarbeiten mit Musikern wie Tony Oxley, Andi Schreiber, Albert Mangelsdorff, Gerd Dudek, Manfred Schoof, Chet Baker oder Abdullah Ibrahim führte. Als Komponist widmete er sich, angeregt durch die frühen Jahre im Forum Stadtpark und Bekanntschaften mit z.B. Friederike Mayröcker, Ernst Jandl oder Gunter Falk, immer wieder dem Zusammenhang von Jazz und Lyrik, wie es beispielsweise in

seinem Werk laut und luise zu hören ist oder sich in seinen lautmalerisch mit „Odrrr!“ beendeten E-Mails ablesen ließ. Ein anderes Lebensthema des Komponisten Glawischnig war die Politik, etwa in seiner die sog. Reichskristallnacht thematisierenden Komposition Als die Synagogen brannten. Auch wenn das Livespielen in den letzten Jahren ruhiger wurde, etwa beim doppelten 85. Geburtstagskonzert mit Ewald Oberleitner samt musikalischer Wahlfamilie, war ein Konzert von Dieter stets ein Erlebnis. Seine wohlgesetzten musikalischen Akzente wechselten mit freien Ausbrüchen am Klavier, seine vielfarbigen Kompositionen trugen zu diesen so wohltuenden jazzmusikalischen Abenden bei, die durchzogen waren von seinem im Steirischen ruhenden jazz talk in den Ansagen. Dieter hatte bis zuletzt eindeutig „swag“, wie jüngere Menschen solches Charisma heute fassen würden.

Mit seinem Ableben lässt sich das nahende Ende einer Ära eines sich befreienden Jazz erkennen, die Dieter Glawischnig in Österreich und darüber hinaus mitgeprägt hat. Seine Musik wird sicher bleiben. Sein Tod bedeutet zugleich einen Verlust, für seine Familie, zu der etwa der Jazzmusiker Hans Glawischnig oder die Musiktherapieprofessorin Monika Glawischnig-Goschnik gehören, aber auch für alle, die ihn kannten. Dieter war streitbar und liebenswürdig, besaß Schmäh und Ernsthaftigkeit, blieb stets ein kritischer Zeitgenosse mit Lesetipps aus Konkret. Und er war fürsorglich, nicht nur als Mentor, der im Hintergrund, z.B. als Universitätsrat der Kunstuniversität Graz, für die Geschicke des Jazz wirkte, sondern auch für ihm liebe Menschen: Nachdem sein ebenfalls 1938 geborener Freund und musikalischer Kupferstecher Ekkehard Jost gestorben war, der sich ähnlich treibend wie (und zum Teil mit) Dieter für den Jazz in der deutschen Musikwissenschaft eingesetzt hatte, blieb Dieter für Ekkis Witwe Helgi Jost präsent und sorgte sich um sie.

So werde ich Dieter Glawischnig in Erinnerung behalten. Odrrr!

André Doehring (Präsident der Internationalen Gesellschaft für Jazzforschung, Vorstand des Instituts für Jazz- und Popularmusikforschung, Kunstuniversität Graz)