{"id":1786,"date":"2026-10-20T10:37:32","date_gmt":"2026-10-20T08:37:32","guid":{"rendered":"https:\/\/jazzresearch.org\/?p=1786"},"modified":"2026-10-20T10:37:32","modified_gmt":"2026-10-20T08:37:32","slug":"nachruf-dieter-glawischnig-1938-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jazzresearch.org\/en\/general\/nachruf-dieter-glawischnig-1938-2026\/","title":{"rendered":"Nachruf Dieter Glawischnig (1938-2026)"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 652px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/jazzresearch.org\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Screenshot-2026-10-20-102834.png\" alt=\"\" width=\"642\" height=\"417\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Foto: Institut 8 Jazz<\/p><\/div>\n<p>Am 1. Oktober 2026 ist em.O.HProf. Dr. Dieter Glawischnig, Ehrenmitglied der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Jazzforschung, im Alter von 88 Jahren verstorben. Wir trauern um ein Gr\u00fcndungsmitglied, einen Herausgeber unserer Publikationen, ein Vorstandsmitglied, einen \u00f6sterreichischen Pionier, pr\u00e4genden Musiker und Komponisten des Jazz, einen Mentor und Freund.<\/p>\n<p>Dieter Glawischnig war bereits lange f\u00fcr den Jazz entflammt, als er 1969 bei der Gr\u00fcndung der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Jazzforschung mit Friedrich K\u00f6rner aktiv war und mit der Mitorganisation der 1. Jazzwissenschaftlichen Konferenz eine bis heute anhaltende Grazer Tradition der akademischen Besch\u00e4ftigung mit Jazz in Praxis und Forschung begann. Zuvor hatte er ein Studium der Musikwissenschaft mit einer Dissertation \u00fcber den Grazer Komponisten Anselm H\u00fcttenbrenner beendet, was ihm die Basis f\u00fcr etwa seinen grundlegenden Aufsatz zur motivischen Improvisation im Jazz bot. Daneben aber hatte er Klavier, Trompete und Posaune studiert, spielte in diversen Ensembles (u.a. als Substitut in der Oper Graz und der ORF-Bigband) und war als Musikrat im Forum Stadtpark und als Obmann der Steirischen Jazzf\u00f6deration ein Vork\u00e4mpfer f\u00fcr die Anliegen des Jazz, besonders desjenigen einer freieren Spielart, die ihn lebenslang begeisterte.<\/p>\n<p>Mit der Gr\u00fcndung des Jazzinstituts 1965 an der heutigen Kunstuniversit\u00e4t Graz, das er einige Jahre leitete, wurde Dieter Glawischnig auch ein Lehrender des Jazz, eine Rolle, die ihm nach seinem Wechsel nach Hamburg als Leiter und Wegbereiter der internationalen Karriere der NDR-Bigband von 1980-2008 blieb: Dieter Glawischnig war mit Hermann Rauhe ma\u00dfgeblich an der Gr\u00fcndung der Jazzabteilung an der Hamburger Hochschule f\u00fcr Musik und Theater beteiligt, mit besonderem Schwerpunkt in Jazz und Klassikausbildung. Er war dort von 1982 bis 2003 Professor.<\/p>\n<p>Nebenbei, was nat\u00fcrlich ein Euphemismus f\u00fcr seine stupende musikalische Aktivit\u00e4t ist, gr\u00fcndete er 1974 mit Ewald Oberleitner und John Preininger das Free Jazz-Trio Neighbours, das als \u00f6sterreichische Formation nicht nur in Europa, sondern auch in Nord- und S\u00fcdamerika tourte. Sie nahmen herausragende \u2013 vor kurzem auf CD wieder aufgelegte \u2013 Alben mit von Dieter verehrten US-amerikanischen Vertretern eines freien Jazz auf, wie etwa Fred Anderson, Anthony Braxton \u2013 mit ihm z.B. tats\u00e4chlich das \u201eErzherzog-Johann-Lied\u201c \u2013 oder Bill Brimfield. In der Hamburger Zeit gr\u00fcndete er neben seiner Arbeit mit der NDR-Bigband zudem das Dieter Glawischnig Hamburg Ensemble oder Cercle, was ihn zu Zusammenarbeiten mit Musikern wie Tony Oxley, Andi Schreiber, Albert Mangelsdorff, Gerd Dudek, Manfred Schoof, Chet Baker oder Abdullah Ibrahim f\u00fchrte. Als Komponist widmete er sich, angeregt durch die fr\u00fchen Jahre im Forum Stadtpark und Bekanntschaften mit z.B. Friederike Mayr\u00f6cker, Ernst Jandl oder Gunter Falk, immer wieder dem Zusammenhang von Jazz und Lyrik, wie es beispielsweise in<\/p>\n<p>seinem Werk laut und luise zu h\u00f6ren ist oder sich in seinen lautmalerisch mit \u201eOdrrr!\u201c beendeten E-Mails ablesen lie\u00df. Ein anderes Lebensthema des Komponisten Glawischnig war die Politik, etwa in seiner die sog. Reichskristallnacht thematisierenden Komposition Als die Synagogen brannten. Auch wenn das Livespielen in den letzten Jahren ruhiger wurde, etwa beim doppelten 85. Geburtstagskonzert mit Ewald Oberleitner samt musikalischer Wahlfamilie, war ein Konzert von Dieter stets ein Erlebnis. Seine wohlgesetzten musikalischen Akzente wechselten mit freien Ausbr\u00fcchen am Klavier, seine vielfarbigen Kompositionen trugen zu diesen so wohltuenden jazzmusikalischen Abenden bei, die durchzogen waren von seinem im Steirischen ruhenden jazz talk in den Ansagen. Dieter hatte bis zuletzt eindeutig \u201eswag\u201c, wie j\u00fcngere Menschen solches Charisma heute fassen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mit seinem Ableben l\u00e4sst sich das nahende Ende einer \u00c4ra eines sich befreienden Jazz erkennen, die Dieter Glawischnig in \u00d6sterreich und dar\u00fcber hinaus mitgepr\u00e4gt hat. Seine Musik wird sicher bleiben. Sein Tod bedeutet zugleich einen Verlust, f\u00fcr seine Familie, zu der etwa der Jazzmusiker Hans Glawischnig oder die Musiktherapieprofessorin Monika Glawischnig-Goschnik geh\u00f6ren, aber auch f\u00fcr alle, die ihn kannten. Dieter war streitbar und liebensw\u00fcrdig, besa\u00df Schm\u00e4h und Ernsthaftigkeit, blieb stets ein kritischer Zeitgenosse mit Lesetipps aus Konkret. Und er war f\u00fcrsorglich, nicht nur als Mentor, der im Hintergrund, z.B. als Universit\u00e4tsrat der Kunstuniversit\u00e4t Graz, f\u00fcr die Geschicke des Jazz wirkte, sondern auch f\u00fcr ihm liebe Menschen: Nachdem sein ebenfalls 1938 geborener Freund und musikalischer Kupferstecher Ekkehard Jost gestorben war, der sich \u00e4hnlich treibend wie (und zum Teil mit) Dieter f\u00fcr den Jazz in der deutschen Musikwissenschaft eingesetzt hatte, blieb Dieter f\u00fcr Ekkis Witwe Helgi Jost pr\u00e4sent und sorgte sich um sie.<\/p>\n<p>So werde ich Dieter Glawischnig in Erinnerung behalten. Odrrr!<\/p>\n<p>Andr\u00e9 Doehring (Pr\u00e4sident der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Jazzforschung, Vorstand des Instituts f\u00fcr Jazz- und Popularmusikforschung, Kunstuniversit\u00e4t Graz)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. Oktober 2026 ist em.O.HProf. Dr. Dieter Glawischnig, Ehrenmitglied der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Jazzforschung, im Alter von 88 Jahren verstorben. Wir trauern um ein Gr\u00fcndungsmitglied, einen Herausgeber unserer Publikationen, ein Vorstandsmitglied, einen \u00f6sterreichischen Pionier, pr\u00e4genden Musiker und Komponisten des Jazz, einen Mentor und Freund. 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